Was Sie über Finnen wissen sollten

Tausende von Seen, abertausende von Inseln – aber nur gut fünf Millionen Finnen. Spannende Leute! Ein Besuch lohnt sich.

Mit Freunden schweigen

Vielleicht waren wir einfach zu neugierig, und ganz sicher waren wir ganz und gar unfinnisch. Jedenfalls hatten wir unser (leider leeres) Fischnetz gerade wieder unter das Eis des Sees gezogen, als wir ein paar Hundert Meter entfernt zwei Finnen sahen, die ungleich erfolgreicher gewesen waren, als wir. Wir gingen hin, bewunderten ihre drei Hechte, lehnten freundlich ab, als sie uns einen anboten – und luden sie gestenreich auf einen Schnaps in unsere Hütte ein. Mit Gesten, nicht mit Worten. Denn wir können nach zehn Urlauben in Finnland noch immer kein Finnisch und die beiden Männer sprachen eben nichts anderes. Wir setzten uns ins Warme, tranken Grappa – und schwiegen. Und schwiegen. Und schwiegen. Eine knappe Stunde lang! Die beiden fühlten sich spürbar wohl. Auch ohne Worte. Für Deutsche ist es schwer, mit Fremden zu schweigen. Für Finnen nicht. Das jedenfalls sagen unsere finnischen Freunde. Die beiden würden bestimmt bis zum heuten Tag von den beiden netten Deutschen schwärmen – vor allem aber von deren Grappa, sagen die Freunde. Und sie müssen es wissen.

Von Lautmalerei und einer schwierigen Sprache

Die finnische Sprache ist für Ausländer über alle Maße deprimierend: Bis heute können wir nur bis zehn zählen, hallo und tschüss sagen – und natürlich prost. Letzteres ist ein sehr dankbarer Ausdruck: Am Anfang sagt man „kippis“ und das kann man sich merken, denn es klingt wie „kipp es“. Ein paar Gläser später allerdings kann man auch „hölekün kölekün“ sagen (was man in keinem Lexikon findet) – und die Finnen lachen sich tot. „Hölekün kölekün“ heißt gar nichts und ist eher eine Lautmalerei. Aber es kommt unglaublich gut an, wenn aus dem Mund eines Nichtfinnen ein solches Wort kommt. Viel mehr Worte werden nicht folgen – denn die finnische Sprache ist überaus schwierig. Nicht nur, dass es überhaupt keine Ähnlichkeit zwischen den Begriffen gibt – yksi, kaksi, kolme heißt eins, zwei, drei. Das Finnische benutzt auch nicht weniger als 15 Fälle, statt vier, wie das Deutsche. Und es hängt alle möglichen Informationen an die Worte an. Wikipedia nennt ein eindrucksvolles Beispiel: „Talo“ bedeutet „Haus“. So weit, so einfach. Aber „Taloissanikinko“ bedeutet „auch in meinen Häusern“. Wer soll das verstehen? Und dann ist da auch noch die Aussprache! Wer soll das lernen? Wir waren allerdings einmal mit einer Ungarin in unserem Ferienhaus – und die verstand gerade eben so viel, dass es zum Kauf einer Fischlizenz reichte. Denn ungarisch ist dem finnischen verwandt, zumindest ein bisschen.

Ferienhaus in Finnland

Die Kunst, die Natur zu kennen

Die Finnen lieben ihre Natur. Pauli, unser finnischer Freund etwa. geht stundenlang durch „seine“ Wälder. Einfach so. Er weiß, wo im Herbst die besten Pilze wachsen und im Spätsommer die meisten Blaubeeren. Er kennt die Tageszeit, zu der man Elche sehen kann – und er weiß auch, wenn ein Elch in seiner Gegend unterwegs ist. Er kennt den „Ruhefelsen“ im See, an dem die Hechte ausruhen – und wo man sie am besten fangen kann. Er weiß im Winter, wann es schneien wird und wie stabil das Eis auf dem See ist. Und damit wusste er im Dezember auch, ob er mit dem Auto über den See zu seiner Inseln fahren konnte oder nicht. Die Bequemlichkeit sagt natürlich Auto – weil Geschenke, Baum und Essen sonst zu Fuß über das Eis des Sees transportiert werden müssen. Aber ist es sicher? Um die Frage zu beantworten, reicht es nicht aus, zu wissen, wie dick das Eis ist. Man muss auch wissen, wie es gewachsen ist. Gab es wenige, eiskalte Nächte, dann ist das Eis stabil. Hat es aber immer wieder mal getaut, ist das Eis eher brüchig – und für das Auto ungeeignet. Jeder am See weiß Bescheid. Die Finnen leben in ihrer Natur.

Das Eis singt

Und mit ihrem Wissen kann man auch eines der außergewöhnlichsten Schauspiele im finnischen Winter genießen: das singende Eis. Wir haben es in einer bitterkalten Nacht auf „unserem“ See erlebt: Unter uns entstanden Risse. Den Finnen macht das keine Angst. In einer solch kalten Nacht wächst das Eis eben, und da nach unten kein Platz ist, dehnt es sich nach oben aus – und bricht. Das Zauberhafte dabei: Die Risse können kilometerlang sein, und wenn sie entstehen, dann klingt das nicht wie ein Knirschen, sondern wie ein klingender Schlag auf eine riesengroße Stahlplatte. Oder so ähnlich. Und noch ein Ton, den wir zuerst als den Ruf eines einsamen Rentiers missdeutet hatten: Das Eis singt. Es ist einfach der Klang, wenn riesige Eisplatten sich ständig gegeneinander verschieben. Ein klagender, lang gezogener Ton unter leuchtendem Sternenzelt in eiskalter Nacht – mehr Kitsch geht nicht. Ein seltenes Erlebnis, sagen unsere finnischen Freunde. Man hat Glück, wenn man das Eis singen hört. Aber wenn man das erleben will, muss man die Kälte lieben. Finnen können das: Sie setzen sich stundenlang bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad vor ein Eisloch, um zu pilkern: mit einer sehr kleinen Angel zu fischen. Das heißt, sie sitzen schweigend und warten darauf, dass ein Fisch anbeißt. Am Ende sieht der Angler aus wie ein Schneemann, denn jeder kleinste Schweißtropfen wird zum Eiskristall an Brauen, Wimpern und Haarspitzen. Die finnische Kälte ist spektakulär. Sie ist eiskalt und trocken.

Im Sommer: Eine Sonnenwende und Nackte im See

See in Finnland

Aber es gibt ein zweites Finnland, das im Sommer. Während die langen Winternächte die Finnen zu Weltmeistern im Kaffeetrinken gemacht haben (weit vor den Deutschen), geht die Sonne im Sommer nur für wenige Stunden überhaupt unter. Im Sommer wird gefeiert und das größte Fest ist die Johannisnacht – die kürzeste Nacht des Jahres zur Sommersonnenwende. Nach unserer Erfahrung mit viel Wein, Schnaps, Bier und allem anderen, was irgendwie Alkohol enthält. Der Willkommenstrunk aus Bier wird uns in einem Saunakrug serviert. Aber dabei bleibt es nicht. In der Johannisnacht übrigens legen sich unverheiratete Frauen ein kleines Säckchen mit Kräutern unter das Kopfkissen – dann nämlich träumen sie in der Nacht von ihrem Zukünftigen…

Finnland – ein Winterbild

Das Bild des melancholischen Finnen ist eigentlich ein Winterbild. Im Sommer wird gefeiert und getanzt. Im Sommer verbringen unsere Freunde jede freie Minute auf dem Land in ihrem Ferienhaus. Im Sommer gehen sie täglich in die Sauna und anschließend in den See. Die Sauna übrigens ist zwar ein Ort des geselligen Beisammenseins – aber nur innerhalb der Familie oder streng nach Geschlechtern getrennt. Man geht mit der Familie – oder man geht unter Frauen beziehungsweise Männern. Aber man geht sehr, sehr oft. In Finnland gibt es angeblich Millionen von Saunen – bei nur knapp über fünf Millionen Finnen. Wer im Sommer über einen See rudert, sieht zwar kaum Häuser (die verstecken sich hinter grünen Bäumen). Aber er sieht kleine Rauchsäulen, die über den Saunen aufsteigen – und er sieht immer wieder nackte Finnen in den See springen.

Wer sich ein Bild von Finnland machen will, dem sei Arto Paasilinna empfohlen. Der Mann ist in Finnland über die Maßen populär – er veröffentlicht seit Jahrzehnten jährlich einen Roman. Sein Markenzeichen ist die Skurrilität. „Im Jenseits ist die Hölle los“ beschreibt einen Journalisten, der von den schönen Beinen einer Frau begeistert ist und sie überholen will, um ihr Gesicht zu sehen. Leider tritt er dabei auf die Straße – und wird von einem Auto überrollt. Dann allerdings, als Geist, muss er auch noch feststellen, dass das Gesicht der Frau mit ihren Beinen nicht mithalten kann – und sein Tod sich wirklich nicht gelohnt hat. Und dann steigert sich Paasilinna in immer skurrilere Höhen. Ein zauberhaft finnisches Buch. Und es gibt noch Dutzende weiterer Romane dieses Autors.


Ferienhäuser in Finnland suchen

Magnus Heier
(der Autor besitzt ein Ferienhaus auf einer finnischen Insel – eigentlich zwei, denn die Winterinsel hat mit der Sommerinsel keinerlei Ähnlichkeit)