Finnische Weihnacht – Warten auf den Joulupukki

Die Wiege der finnischen Weihnachtskultur liegt nicht im fernen Lappland. Schon seit dem Mittelalter ist das im Süden gelegene Turku die eigentliche Weihnachtsstadt des Landes.

Am 24. Dezember wartet die ganze Nation nicht etwa auf den Weihnachtsmann, sondern auf Jouko Lehmusto. Der ist auch noch Finanzdirektor, was generell nicht für uneingeschränkte Sympathien sorgt. Doch der freundliche Mann arbeitet in Turku, wo seit Jahrhunderten um 12 Uhr mittags der so genannte Weihnachtsfrieden verlesen wird. Was früher Könige oder Herzöge taten, das macht in demokratischen Zeiten eben Herr Lehmusto. Und weil die Verse, die er vom festlich geschmückten Balkon des Rathauses verkündet, den offiziellen Beginn der Feiertage markieren, freuen sich am 24. Dezember alle Finnen auf einen Finanzdirektor.

Turku, kurz davor. Die Stimmung ist feierlich. Auf dem Rathaus-Vorplatz drängen sich die Bewohner der Stadt. Mit dicken Jacken, Pelzmützen und bunten Schals schützen sie sich gegen die Kälte. Auch wenn Turku im Süden Finnlands liegt, wird es im Dezember richtig kalt, Schnee verzaubert die Landschaft, in den nahen Schären frieren viele Wasserflächen zu. Alle warten. Kinder sitzen auf den Schultern ihrer Väter, weiter vorn spielt eine vielköpfige Blaskapelle leise Weihnachts-Lieder. Zettel mit Texten werden verteilt, trotzdem summen die meisten mehr mit, als dass sie singen. In den großen Tannenbäumen, die den Platz säumen, glitzern Lichter. Im Rücken der Festgemeinde steht der Dom zu Turku, bereit, die Lesung mit seinen beeindruckend tiefen Glockenschlägen zu begleiten. An der Seite drängt sich die Presse. Kamerateams haben großes Equipment aufgefahren, um den Weihnachtssegen direkt ins ganze Land zu übertragen. Auch in Schweden und Norwegen sitzen jetzt viele Menschen vor den Fernseh-Apparaten.

Vor dem Fest noch schnell in die Sauna

Verlesung des Weihnachtsfrieden

Verlesung des Weihnachtsfrieden

Endlich: Mit einem großen Schritt tritt Jouko Lehmusto auf den Rathaus-Balkon. Er trägt einen schlichten schwarzen Anzug. Mit geübter Hand entrollt er ein großes Papier, um mit fester Stimme die magischen Worte zu verlesen, auf die alle gewartet haben. „Tervetuloa Turkuun, Joulukaupunkiin suomenna…“ Nicht-Einheimische, die des Finnischen nicht mächtig sind, haben Pech: Den echten Segen gibt es nur in Landessprache. Hier der Inhalt, sinngemäß: „Leute, es ist Weihnachten. Seid alle friedlich und nett zueinander. Wer den Frieden bricht, soll nach geltendem Gesetz bestraft werden. So, und jetzt feiert schön!“

Fertig. Das war es. Der Aufruf zum Feiern stößt bei den Finnen auf große Gegenliebe. Die Besucher in Turku stecken schnell die Liederzettel in die Jackentasche, nehmen ihre Kinder an die Hand und eilen vom Platz, vorbei am Ufer des Aurajoki. Der Weg entlang des Flusses ist ein beliebter Spazierweg. Zur Weihnachtszeit wird er wie viele der kleinen Adventsmärkte und Plätze in der Altstadt stimmungsvoll beleuchtet – aber dezent, die Finnen pflegen in Dekorationsdingen einen schlichten Stil. Ein paar Lichterbögen in den Fenstern, einfache Adventskränze aus gebundenem Buchs, rote Schleifen. Das versteht nicht jeder: „Where are the lights?“ sollen amerikanische Touristen schon gefragt haben, die extra in die „Christmas City of Finland“ gereist waren, in der Annahme, ein ähnliches Plastik-Spektakel wie in ihrer Heimat vorzufinden.

Finnisches Weihnachtsessen

Finnisches Weihnachtsessen mit
Schinken. Aufläufen, Piroggen

Tatsächlich verwunderlich ist, warum es alle plötzlich so eilig haben. „Die wollen schnell nach Hause“, erklärt Lena Strömberg, eine in Finnland lebende Schwedin, in Turku für die Weihnachts-Festivitäten zuständig. Ist nämlich der Weihnachtsfrieden erst einmal verlesen, dauert es nicht mehr allzu lange bis zur Bescherung. „Zu Hause angekommen hat man noch ein wenig Zeit, letzte Vorbereitungen zu treffen und noch ein letztes Geschenk zu verpacken“, erzählt Lena. Dann geht es, wie es sich für einen Finnen gehört, erst einmal in die Sauna, später gibt es ein üppiges Menü – erst dann kommt der Weihnachtsmann, im Finnischen der Joulupukki, mit einem Sack voller Geschenke. Meist spielt ihn der Familienvater oder einer der Nachbarn. Ortswechsel. Nagu, kurz nach 14 Uhr. Eine Stunde hat die Autofahrt von Turku auf die kleine Insel gedauert. Nagu ist eine von rund 40.000 Inseln und Inselchen direkt vor den Toren der Weihnachtsstadt, eine einzigartige Schärenregion. Für viele Bewohner von Turku ein willkommener Rückzugspunkt – besonders an den Feiertagen. Wie viele dieser Orte, ist auch Nagu nur mit einer Autofähre erreichbar. Die Benutzung ist kostenlos, in genau fünf Minuten verläuft die Überfahrt. Auch am Weihnachtsabend sind die gelben Boote erstaunlich regelmäßig unterwegs. Die Fähren werden durch die umliegenden Kommunen finanziert. Auch wenn es vielleicht günstiger gewesen wäre: Eine Brücke wollte man nicht bauen. „Wegen der Optik“, erklärt Pär Schütt. Er lebt bereits seit vielen Jahren mit seiner Frau Brigitta auf der Insel, deren Zentrum aus einem Supermarkt, einer Kirche und einer Tankstelle besteht. Drum herum gibt es nur Wald und Wiesen, ein paar Straßen, die zu stillen Hofschaften führen.

Ferienhaus in Finnland

Auf der Schäreninsel Nagu

Schütt vermietet Ferienhäuser, auf finnisch „Mökki“ genannt. Die liegen direkt am Wasser, im Sommer kommen Familien zum Entspannen, Schwimmen, Grillen, außerdem viele Angler. Im Winter sei es noch ruhig, erklärt er. Schade eigentlich, denn besonders für ein stimmungsvolles Weihnachtsfest gibt es kaum einen romantischeren Ort. Kein Mensch begegnet dem Besucher auf den letzten Kilometern bis zu seinem Mökki. Der Weg führt über einen tief verschneiten Waldweg, die Schneedecke ist bis auf einige Tierspuren unberührt. Das Haus liegt direkt am Meer, ein großes Panorama-Fenster mit Blick auf das Wasser dominiert das Wohnzimmer. Die untergehende Sonne färbt Himmel und Wellen in unzähligen Rosa-Tönen. An einem solchen Ort kann man es den Finnen wunderbar gleich tun: Im Kamin brennt ein wärmendes Feuer, aus der Küche riecht es bereits verführerisch nach dem finnischen Festtags-Menü. Weihnachten kann kommen.

 

 


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Titelbild Quelle: Jani Kärppä & Flatlight Films, visitfinland.com