Astrid Lindgren – Die beliebteste Schwedin: Eine Reise zu Astrid Lindgren

Geschichten um Pipi Langstrumpf, Michel und Madita machten die schwedische Kinderbuchautorin weltberühmt. In Vimmerby und Stockholm werden die Buchcharaktere für ihre Gäste wieder lebendig – aber findet man dort auch die echte Astrid Lindgren?

Leg Dich nicht mit Lindgren-Fans an – so oder ähnlich müssen die Gedanken vom damaligen Finanzminister Peer Steinbrück gewesen sein, als er Mai 2009 die Schweiz öffentlich mit einem Land Namens Ougadougou verglichen hat. Eigentlich wollte er Taka-Tuka-Land sagen, wie er später der Wochenzeitung „Zeit“ beichtete, hätte aber die Reaktionen entrüsteter Pippi-Fans gefürchtet. Die hätten die Zweckentfremdung von Pippi Langstrumpfs Abenteuer, das aus der Feder von Astrid Lindgren stammt, sicher angeprangert.

Dies ist nur ein Beispiel, welchen Einfluss Lindgren heute noch hat. Es gibt wohl keinen Kinderbuchautor, der ähnlich geehrt wurde. Im Alter von 87 Jahren wurde sie mit dem alternativen Nobelpreis „Right Livelihood Honorary Award“ für ihren Einsatz für Gerechtigkeit ausgezeichnet, ihr Name steht Pate für ein schwedisches Tierschutzgesetz, den weltweit höchstdotierten Preis für Kinderliteratur „Astrid Lindgren Memorial Award“, und sogar für einen kleinen Planeten, was Astrid mit der Bitte kommentierte, man möge sie doch ab jetzt „Asteroid Lindgren“ nennen.

„Unfug denkt man sich nicht aus, Unfug wird es von ganz allein!“

Auch die Schweden sind ganz verrückt nach ihrer Lindgren: Sie haben sie bereits zur beliebtesten Schwedin des Jahrhunderts gekürt. Und wer in Schweden ein Ferienhaus mietet und mit Kindern reist, der wird kaum um die Attraktionen herumkommen, die die beliebten Figuren Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf oder die Kinder von Bullerbü zum Leben erwecken wollen.

Was hätte wohl Astrid Lindgren zum ganzen Trubel gesagt, der heutzutage um ihre Person veranstaltet wird?

Sie selbst ist 2002 im Alter von 94 Jahren gestorben. Ihr Großnichte Karin Alvtegen glaubt aber, dass für sie kaum erträglich war als etwas „Besseres“ behandelt zu werden. Sie erinnert sich: „Manchmal, wenn ihr der Wirbel um sie zu viel wurde, sagte sie: Ich habe diese Astrid Lindgren so satt.“ Alvtegen beschreibt ihre berühmte Verwandte als tief melancholisch, obwohl sie immer einen Scherz oder Schlagfertigkeit parat hatte. „Sie hat in ihrem Leben schwere Zeiten durchgemacht, aber statt zu verbittern oder zu verdrängen, setzte sie sich mit den Erlebnissen auseinander, um sich besser in die Situation anderer Menschen hineinversetzen zu können“, sagt sie.

Die Berühmtheit, die keine sein wollte

Für die Familie ist das Vermächtnis, das Astrid Lindgren hinterlassen hat, eine große Verantwortung. Die Verwaltung der Lizenzrechte übernimmt die Saltkråkan AG, die Astrid Lindgrens Kindern und Enkeln gehört und auch von 
ihnen geführt wird. Streng – und wenn nötig auch gerichtlich – geht das Unternehmen gegen Firmen vor, die ohne Lizenz die bekannten Gesichter der Kinderbücher nutzen, um eigene Produkte vermarkten.

Natürlich kann und soll das Erbe nicht nur in den Büchern weiterleben, weswegen die Saltkråkan AG auch drei Museen betreibt: „Astrid Lindgrens Welt“ in Vimmerby (Småland), wozu auch der Geburtshof „Näs“ gehört, und „Junibacken“ in Stockholm.

Astrid Lindgrens Bücher – viel mehr als Spaßgeschichten

Nicht nur Kinder werden einen Ausflug in einen der Erlebnisparks genießen, doch die kunterbunt inszenierten Welten werden der Kinderbuchautorin längst nicht gerecht: Wer Lindgrens Geschichten auf bloße Spaß-Erzählungen von einem smålandischen Gutshof reduziert, raubt ihr die Kraft, die Kinder auf der gesamten Welt fasziniert: In jedem Werk sehen sich Lindgrens Protagonisten mit einschneidenden Erfahrungen konfrontiert, die sie auf ihre kindlich wertfreie Weise verarbeiten. Themen wie Tod, die Einsamkeit des Erwachsenwerdens und Probleme im sozialen Umfeld finden in ihren Büchern Platz.

Im Gegensatz zu vielen modernen Kinderbuch-Bestsellern, wie beispielsweise Harry Potter, bleiben die Geschichten nah an den realen Problemen und Ängsten der jungen Leser. Die Hauptfiguren müssen nicht die Welt retten, sondern nur mit sich und ihrer Umwelt im Reinen sein. Die Bücher dienen nicht der Flucht aus der Realität, sondern liefern Denkanstöße fürs eigene Leben.

Lindgren sagte: „Man sollte Kindern nicht vorenthalten, womit sie im realen Leben konfrontiert werden, finde ich. Im Übrigen möchten sie angerührt werden und über das weinen, was sie lesen. Das geht schnell wieder vorbei.“ Sie war eine Frau, die sich Konflikten stellte, sie mitunter suchte. Zeit ihres Lebens setzte sie sich unermüdlich für Kinderrechte, Gleichberechtigung und Tierschutz ein. „Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Phantasie eines Menschen“, so lautete ihr Credo.

Mancherorts war Lindgren sogar verboten

Ihre eigenwilligen Phantasien waren aber nicht überall willkommen. Fünf deutsche Verlage hatten ihre „Pippi Langstrumpf“ als zu modern und anarchistisch abgelehnt, bis der Verlag Oetinger die Geschichte vertreiben wollte. Frankreich bekam sogar erst 1995 die richtige Pippi Langstrumpf zu lesen, da in der Fassung zuvor allzu provozierende Passagen gelöscht waren. Andernorts erhoben Menschen Lindgrens Gedankenwelt zum Ideal, wie in der kommunistischen Tschechoslowakei der Siebziger Jahre. Hier wurden die Gebrüder Löwenherz zum politischen Manifest, das nur unter der Hand weitergereicht wurde.

Insgesamt sind Lindgrens Bücher in über 64 Sprachen übersetzt und haben sich mehr als 145 Millionen mal verkauft. In Deutschland erscheinen die Geschichte von Pipi, Kalle, Michel und Co. im Oetinger Verlag. Sie funktionieren auf der ganzen Welt, weil sie Wahrhaftiges zum Thema haben, auch wenn die Protagonisten manchmal verrückt erscheinen…

Treffen Sie Astrid Lindgren

Es gibt erstaunlich viel über die bekannte Autorin zu erfahren, was man noch nicht wusste! Die  schwedische Website der Autorin auch in deutscher Sprache.


Ferienhäuser in Schweden suchen

Foto: Roine Karlsson